Schnitterzeit

Im Jahreskreis wird die Schwelle und Zeitqualität im August auch „Schnitterfest“ genannt. Das junge Pflänzchen aus dem Frühjahr ist im Sommer zur Blüte gekommen. Nun, im Spätsommer, reifen die Früchte und Samen. Die Erntezeit hat begonnen.

Anfang August beginnt die Kornernte. Unsere Vorfahren erkannten in den goldenen Getreidehalmen die leuchtenden Haare der Ernte- und Erdgöttinnen Annona, Demeter oder Ceres. Ihnen zur Ehre wurde aus den ersten geernteten Getreidekörnern ein Gebildebrot gebacken, mit Dankbarkeit verspeist und ein Teil davon wurde auch der Erde übergeben.

Die Landwirte hatten es in diesem Jahr wegen dem unsteten Wetter und der örtlich verhagelten Felder sehr schwer. Dennoch musste die Ernte eingefahren, das Korn beherzt abgeschnitten werden. Nach der Kornernte sind die Felder plötzlich abgeräumt und sehen merkwürdig leer aus. Es kommt ein wehmütiges Abschiedsgefühl auf.

So lädt uns der August zur Veränderung und einem Neuanfang ein, einem Abschied von Bewährten. Es ist kein einfacher „Schnitt“, von dem Bewährten loszulassen und sich für etwas gänzlich Neues zu öffnen – ohne etwas zu „erwarten“. Und doch kann das Neue nur kommen, wenn wir das Alte loslassen.

Was in deinem Leben braucht einen klaren Schnitt, darf losgelassen werden? In meinem August-Rundbrief im letzten Jahr 2020 habe ich bereits über die schwierige Übung des „Loslassens“ geschrieben. Und wieder ist es soweit: Welcher „alte Zopf“ darf nun abgeschnitten werden? Was ist nicht mehr hilfreich, wer oder was gehört nicht mehr zu dir und in dein Leben?

Diese Fragen und Themen kannst du in deinem Inneren wirken lassen, aber auch im Außen betrachten. Was nimmst du im Außen, in der Gesellschaft wahr?

Ich nehme viele Ambivalenzen wahr. Es findet sich, was zusammengehört und es trennt sich, was wohl nicht zusammengehört. Wir sind alle eingeladen, genau wahrzunehmen, was und wer uns gut tut – oder eben auch nicht. Wo übernehme ich Verantwortung, indem ich eine klare Entscheidung fälle? Hast du die Verantwortung, z. B. für das aktuelle gesellschaftspolitische Thema „Gesundheit“ selbst in der Hand? Möchtest du die Verantwortung überhaupt haben oder ist es für dich einfacher, wenn jemand anders die Verantwortung dafür übernimmt? Bist du dir sicher, das du frei und aus deinem Herzen heraus eine eigene Entscheidung fällen kannst?

Einen klaren Schnitt (= Entscheidung) zu machen, hat sehr viel mit Selbst-Bewusstsein zu tun. Bin ich mir darüber bewusst, was, wie und warum ich Entscheidungen treffe? Nehme ich mich selbst „bewusst“ wahr? Kann ich andere in ihren Bedürfnissen bewusst wahrnehmen, auch wenn ich für mich selbst (Körper und Seele) kaum ein Bewusstsein habe?

In meinem August-Rundbrief von letztem Jahr habe ich geschrieben, dass ich in der Menschenfamilie eine Spaltung wahrnehme. Heute, ein Jahr später, ist dies zu einem erdrückenden Höhepunkt gekommen. Es wird inzwischen politisch forciert, Menschen in „ge“ und „unge“ einzuteilen und gegeneinander aufzuhetzen. Ist das für eine Menschenfamilie hilfreich? Wieder stelle ich die Frage: wo wird das noch hinführen? Wie willst du leben?

Erinnere dich, wer du bist! Du bist ein freies und lichtvolles Wesen voller Gaben und Möglichkeiten. Du bist ein multidimensionales Naturwesen, voller Liebe und Mitgefühl. Erinnere dich, dass wir Alle Teil der Menschenfamilie sind.

Ich setze in diesem Jahr einen klaren Schnitt: Ich trenne mich von der Trennung. Ich entscheide mich für die Liebe und das Mitgefühl, für eine Menschenfamilie auf einer gesunden Erde! Und ich kann dir sagen: diese neue Erde fühlt sich einfach ganz wunderbar an!

Vielleicht kann uns in der aktuellen Zeit auch der Beinwell mit seinen Qualitäten helfen. Eine Pflanze, die Getrenntes wieder zusammenwachsen lässt. Der Beinwell lädt uns dazu ein, alles mit unseren Sinnen bewusst wahrzunehmen und zu be-greifen. Vielleicht magst du ja mal mit seinen Wurzeln räuchern oder einen Beinwell aufsuchen. Öffne dein Herz für das Pflanzenwesen und frage, welchen Rat sie dir für deine Entscheidungskraft geben kann.